Labyrinthe

Mein Gang durch das Labyrinth in Chartres

Freitags um 10 Uhr wird das Labyrinth eröffnet. Früh machen wir uns zu Fuß auf den Weg zur Kathedrale, eine gute Entscheidung. Es ist noch nicht so heiß an diesem Tag im Frühsommer.
Durch meine Arbeit in den letzten Jahren mit Labyrinthen und unseren Fingerlabyrinthen bin ich gut auf den Gang durch das Labyrinth vorbereitet. Dennoch bin ich aufgeregt, dies hier ist Chartres – DAS Labyrinth. Was wird mich erwarten?
Als ich die Kathedrale betrete hat gerade ein Priester das Labyrinth eröffnet mit einem „Laudate omnes Gentes“ Gesang. Einige Personen gehen bereits im Labyrinth.
Ich sammle mich am Eingang zuerst einmal mit einem: Im Namen des Vaters und des Sohnes und der heiligen Ruach. Dazu mache ich eine bestimmte Handbewegung und gehe langsam los.
Mein Blick fällt zuerst auf die wunderschönen Steine, abgetreten von vielen Menschen, die über Jahrhunderte hier gelaufen sind. Viele bestimmt barfuß, so wie einige Mitläufer auch heute. Sie sind völlig unterschiedlich, einige gehen sehr andächtig, andere voller Freude. Ich versuche, mich auf meinen Gang zu konzentrieren.
Meine Augen suchen die blauen Fenster, in jeder Biegung schweift mein Blick hoch zu einem anderen Fenster. Welches ist das von Maria Magdalena? Szenen aus dem Evangelium und dem Leben der Apostel erkenne ich. Eine große Dankbarkeitswelle durchströmt mich – für mein bisheriges Leben und das ich Christin sein darf. Das ist gar nicht so selbstverständlich – kommt mir als Satz in den Kopf.
Ich fühle die Energie von Jesus und Maria Magdalena wie ein Bruder und eine Schwester, die an meiner Seite gehen. „Wir sind bei euch, alle Tage, bis an das Ende der Welt“ fällt mir ein, während ich mich an den Rand stelle, in einen Zahn des Labyrinthes. Ich lasse das „Wir“ auf mich wirken.
In der Mitte gibt es ein schönes Ritual. Jeder betritt einzeln zuerst das 1. linke Rosenblatt und geht einen Schritt weiter, bis er die Mitte erreicht. Genügend Zeit also, um sich ganz auf die Bedeutung der Rosenblätter einzulassen, wie ich es bei Kathleen Mcgowan gelesen habe.
Das 1. Blatt ist der Glaube: Glaube ich, das alle Worte aus dem Evangelium lebbar sind? Diese Frage wird mir eingegeben. Ich erkenne die Entwicklung in meinem Leben – von einem klaren Zweifel: „wie soll das denn wohl gehen?“ in jungen Jahren bis zu einem „Ja aus vollem Herzen“ in meinem heutigen Alter.
So gehe ich Blatt für Blatt: Hingabe, Dienen, Fülle, Vergebung, Stärkung und beantworte meine Fragen, die mir in den Sinn kommen.
Dann der Schritt in die Mitte. Eine unglaubliche Energiewelle durchströmt mich. Ich fühle mich geborgen und geliebt. Gleichzeitig wird mir tief im Inneren klar, das Jesus und Maria Magdalena zusammen gehören. Sie beide ergeben ein Ganzes – das ganze Evangelium – männlich und weiblich. Es ist ein plötzliches Verstehen – erst das macht den vollständigen Menschen aus, wie Gott ihn gedacht hat, jeden persönlich. Es ist eine Sichtweise, die mich erfüllt, die sich mir aber sicherlich erst nach und nach erschließen wird.
Dankbar verlasse ich die Mitte und voller Leichtigkeit gehe ich zurück mit der gemeinsamen Energie von Jesus und Maria Magdalena, die in dieser Kirche für mich zum Geschenk wurde.

Ich schlendere noch durch die Kirche, versuche möglichst viel in mir aufzusaugen und wechsle ein paar Worte mit einer netten Dame. Sie fragt mich, was denn eigentlich das Labyrinth ist? Ich empfehle ihr, es einfach einmal zu gehen und zu fühlen. Selber stelle ich mich noch einmal in der Mitte an, um diese Energie mit hinaus zu nehmen. Dieses Mal ist sie nicht so stark, verständlich, ich bin das Labyrinth ja nicht komplett gegangen, sondern nur das letzte Drittel.

Dabei fällt mir auf, dass viele Menschen das Labyrinth an diesem Tag mehrmals begehen. Andere wiederum bleiben bei ihrem Gang durch die Kathedrale auf den Steinen des Labyrinthes stehen, ohne zu wissen, das es ein Labyrinth ist. Wie unterschiedlich es doch ist, aber dies verstärkt meine Dankbarkeit, dass ich Labyrinthe kennen lernen darf in meinem Leben.

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